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SZ-Kolumne: Vorschlag-Hammer (5)

29. März 2014

Bernhard Blöchl

Seit ein paar Wochen kommt der Kulturteil der München- und Bayern-SZ ziemlich neu daher. Mehr Service, mehr Magazin, mehr Mehr. Eine Kolumne gibt es auch, und ich bin einer der Autoren. Unter dem – nun ja – Schlagwort „Vorschlag-Hammer“ schreiben SZ-Journalisten auf, welche Kulturveranstaltungen sie empfehlen (und vor welchen sie warnen). Hier mein fünfter Teil vom 28.3.2014:

VORSCHLAG-HAMMER
Auf Stimmenfang

Neulich war Winter, aber er war nicht da. Der Winter hatte hitzefrei, und der Frühling gab den Streber, worüber sich die meisten Menschen freuten, auch wenn sie im selben Atemzug über den Mangel an Schneeballschlachten klagten. Mit Scarlett Johansson verhält es sich ähnlich. Nicht, dass die Hollywood-Muse eine eisige Aura umgäbe, kalt lässt die keinen. Aber seit gestern ist sie im Kino zu erleben, auch wenn sie sich nicht zeigt – was die einen freut (meist Frauen), die anderen ärgert (meist Männer): In Her, einem Film, den man sich unbedingt im Original anschauen muss, agiert Johansson nur mit ihrer Stimme. Und zwar großartig. Sie spricht Samantha, ein lernfähiges Superdupercomputersystem, in das sich der vom Leben enttäuschte Theodore (Joaquin Phoenix) Hals über Kopf verknallt. Eine herrlich bizarre Liebesgeschichte über die Magie der Sprache. Eine Amour fou mit einem Körper und zwei Stimmen.

Stimmen sind ja eh so wichtig. Nicht nur in der Politik (am Sonntag wählen gehen!), auch in der Kultur. Unverwechselbar, weil markant und speziell sollten sie sein. Wie die von Dobré (30.3., Lustspielhaus), Georg Ringsgwandl (31.3., Prinzregententheater) und Franz Ferdinand (31.3., Zenith). Die Musik der drei Acts könnte unterschiedlicher kaum sein, irgendwo zwischen dem jungen Bob Dylan, souligem Bayern-Blues und champagnergetränktem Indie-Rock. Dennoch würde man alle drei Sänger aus der Masse heraushören. Und das ist schön!

Eine unverwechselbar bezaubernde Frauenstimme hat die Schauspielerin Nadeshda Brennicke. Im Interview erzählte sie mir neulich, wie schwierig es für sie war, den „extremen Altona-Akzent“ der Banklady Gisela Werler zu imitieren und wie wichtig ihr diese Rolle und der gleichnamige Film über die erste Bankräuberin Deutschlands ist (läuft seit gestern in den Kinos). Leider kam ich mir am Ende des Gesprächs ein wenig vor wie Theodore – das Interview fand am Telefon statt.

Eine andere Stimme, die ich gerne gehört hätte, erklang dagegen nicht, obwohl die dazugehörige Frau anwesend war. Bei der Präsentation von Katja Eichingers kraftvollem Roman Amerikanisches Solo im Literaturhaus las der Schauspieler Stefan Hunstein Auszüge aus dem Psycho-Thriller, während sich die Autorin darauf konzentrierte, die Fragen des Moderators zu beantworten. Immerhin. Womöglich ein paar Stimmen zu viel hört der Ich-Erzähler in Robert Gwisdeks Debütroman Der unsichtbare Apfel. Das Wunderkind begibt sich auf eine phantastische Reise ans Ende des Verstandes – und darüber hinaus. Ein Termin, den sich Freunde des Absurden unbedingt vormerken sollten: Am 8. April tritt Gwisdek im Lustspielhaus auf. Er wird dort seine geschulte Schauspielerstimme vielseitig einsetzen, wird lesen, schreien und singen. Fast wie Samantha, nur sichtbar.

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