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Mein erstes Speed-Dating

3. Juli 2017

Bernhard Blöchl

Man soll ja nie damit aufhören, Dinge zum ersten Mal zu tun. Dann halt also Speed-Dating. Okay, das Speed-Dating, zu dem das Literaturhaus die Münchner Autoren versammelt hat, ist anders: lesen und plaudern statt flirten und protzen. Aber schnell muss es auch hier gehen. Denn Langeweile ist für die, die zu viel Zeit haben. Gefasel für Unkonzentrierte. Los jetzt.

Zunächst ein Satz im Foyer über sich selbst, der sollte sitzen. Ich weiß nicht, ob ich den Romantitel korrekt wiedergegeben habe, Amelie Fried lacht. Offenbar kann sie nicht glauben, dass ich das Wort „Hintern“ vor Publikum gesagt habe. Irgendwo höre ich „Arsch“, aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Nicht lange darüber nachdenken, ab an den Autorentisch im Saal.

Lesung beim Speed-Dating im Literaturhaus (Fotos: Catherina Hess).

Lesung beim Speed-Dating im Literaturhaus (Fotos: Catherina Hess).

Als erstes kommt der Mann im feinen Zwirn. Er sagt, er habe britische Wurzeln. Wir reden über die Insel, über Schottland, den Linksverkehr. Ich lese die passende Passage aus dem Buch, er schmunzelt. Dann greift er das Kernthema des Romans auf, die Brüche im Leben, die innere Leere vor dem Neubeginn. Erzählt mir von seiner Entscheidung, alles hinter sich gelassen zu haben: den Job, die Stadt, die Frau. Ich staune. Dieser Mann ist wie Knoppke, nur eleganter. Der eine ging von München nach Wien (er), der andere von Wuppertal nach München (Knoppke). Leben holt Buch ein. Darauf einen Whisky. Ich habe schottischen dabei und bayerischen. Er wählt den schottischen. Ein beschwingter Start.

Gong. Und weiter. Der nächste Herr nimmt Platz. Erst mal einen Keks beziehungsweise Shortbread, so viel Zeit muss sein. Er sagt, er habe mein Buch auf seinen Nachttisch liegen, und ich frage mich, ob das Gelb als Lampe taugt. Sei’s drum, er ist noch nicht weit gekommen, zu viele andere wollen gelesen werden. Ob der Roman lakonisch sei, will er wissen. Keine Ahnung, ich glaube nicht. Hier und da melancholisch, plappere ich. Er spricht weiter. Mit Knoppke sei er noch nicht warm geworden, Sam sei eine Nervensäge. Beste Voraussetzungen, denke ich und schenke mir einen Whisky ein. Er will keinen. Will aber über die SZ reden, also über romanschreibende SZ-Redakteure. Wir sprechen über Max Scharnigg und seinen Titel mit der Treppe.

Gong. Dann zwei Damen. Sie strahlen um die Wette, ich kenne sie. Die eine arbeitet im Literaturhaus, die andere doziert und schreibt. Die eine sehe ich regelmäßig beim Mix, die andere auch. Die eine liebt Whisky, die andere lehnt ab. Slangevar, ihr beiden! Ein schnelles, ein heiteres, ein verschmitztes Gespräch. Kurz bin ich in Versuchung, mich zum Spoilern des Plots hinreißen zu lassen. Doch so betrunken bin ich nicht. Ach, Bücherfrauen, ihr klugen, gerissenen, hungrigen Geschöpfe!

Zwischendurch die Lesung im Foyer, endlich! Jeder der 16 Autoren darf einmal vor allen lesen. Jetzt bin ich dran. Und entscheide mich für das zweite Kapitel, die Silvi-Situation, noch in München. Wo Knoppke seiner Ex-Freundin in spe beim Fremdgehen zusieht und nicht reagiert. Wie er ihre Emotionen liest wie Stunden zuvor die der Zuschauer im Stadion. Wie er mittendrin ist und nicht dabei. Der Gong ist ein skrupelloser Spalter, auch hier. Zurück an meinen Tisch.

Keiner da, kurze Pause. Erst mal durchschnaufen. Ein Schwatz mit links, Gunna Wendt trinkt Spritz. Ein Schwatz mit rechts, Noemi Schneider vertraut mir ihre Tasche an. Werner Bartens schaut vorbei und stibitzt einen Keks. Schon wieder. Zeit zum Sackenlassen. Erlebnisse sortieren. Ich erinnere das freundliche Gespräch mit Titus Müller, die schnellen Hallos mit Alex Burkhard und Harry Kämmerer, die Diskussion über die tiefere Bedeutung der Tische mit den Leselampen. Auch das Auftauchen von Amelie Fried bleibt haften. Wo ist mein Tisch, wo ist mein Tisch?

Nun kommt die Dame mit dem Buch. Mit meinem Buch. Sie will eine Widmung. Und sie will über Schottland reden, weil sie da unbedingt mal hin möchte. Und ob Schottland wie Norwegen sei. In Cornwall war sie schon, dort wiederum wollte sie überprüfen, ob die Menschen wirklich mit Fahrrändern mit Körbchen am Lenker herumstrampeln, wie das die Pilcher-Filme immer zeigen. Ja, sagt sie, sie tun es. Ich erzähle ihr die Geschichte, wie mein Lieblingsmensch und ich vor sechs Jahren das Romanschreiben entdeckt haben, in einem Cottage in Cornwall. Einem Cottage, das Marc Pilcher, dem Sohn von Rosamunde, gehörte. Ich weiß nicht, ob sie mir glaubt.

Gong. Das nächste Gespräch dreht sich um das Schreiben. Eine Kollegin, die eigentlich Fremdenführerin ist, setzt sich an meinen Tisch. Wir reden über die Schotten und ihre Pubs, das magische Licht und wo es sonst noch schön ist. Gong. Sie bleibt. Und erzählt mir von ihrem eigenen Buch, einem Historienroman. Sie hofft auf einen Verlagsvertrag. Ich drücke ihr die Daumen. Gong. Eine ältere Dame, die es wissen will. Das gefällt mir. Sie hat Fragen. Hat meine Lesung im Foyer gehört und will Antworten. Warum fühlt Knoppke nichts mehr? Warum reagiert er nicht? Wie kommt man auf sowas, und wie verändert er sich? Ich rede, sie bohrt nach. Die Dame hat Biss, wir essen Kekse. Dann erzähle ich ihr von dem Urmoment, also wie Knoppke im Kopf entstanden ist. Von meiner Faszination für die Security-Menschen im Fußballstadion, die mit dem Rücken zum Spielfeld stehen. Die mittendrin sind und nicht dabei. Von der Frage, was so ein Mensch für ein Leben haben könnte. Die Dame will restlos alles verstehen, darin erinnert sie mich an meinen Opa. Notiz an mich selbst: Ich will auch so neugierig bleiben.

Beim Speed-Dating bleibt niemand allein. Auch nicht hinterher. Endlich Armin Kratzert persönlich gesagt, wie stark ich seinen Beckenbauer-Roman fand. Wir reden über den Maro-Verlag, die Zeit verfliegt. Später im Oskar Maria mit Georg Oswald über Wolfram Hämmerling gesprochen, unseren gemeinsamen Lektoren-Helden. Dann kommen die Pommes, und wir trinken auf den Abend. Ganz ohne Gong (und ohne Majo).

Mehr Bilder von Catherina Hess zur Veranstaltung am 29. Juni 2017 im Literaturhaus gibt’s hier.

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